• Ralf

Der Fährtenleser weiß es zuerst! | Der Wolf im Schwarzwald

Es war bei einem Tracking-Seminar mit Jon Young irgendwann im Jahr 2005. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wo oder wann, aber es muss sehr früh gewesen sein, denn das Thema "Tracking" wurde damals noch nicht als etwas angesehen, das man nur zum Spaß machen würde! Wir waren mehr eine Gruppe von Nerds. (englisch für "Sonderling"; Jemand der an einem sehr speziellen Interesse hängt und dabei soziale Defizite aufweist.) :-D


Damals kam die Frage auf, welche Vorteile es hat, heuetzutage noch Fährtenleser zu sein.


Einer der Punkte die wir dabei erarbeitet haben blieb sehr lange bei mir und sollte sich 2013 bewahrheiten.

Der Fährtenleser weiß Dinge zuerst.

Es war im Winter 2013/2014, als ich auf meinem "Spaziergang" war, meiner Routine, ziellos umherzuwandern und mich von tollen Orten und Ereignissen, um meinen Wohnort herum, finden und inspirieren zu lassen. Ich hatte zu der Zeit immer ein kleines Notizbuch und etwas zum Ausmessen mit dabei. (Eine Angewohnheit meiner Ausbildungszeit bei Tom Brown Jr. und Jon Young.

Es war eine dünne geschlossenen Schneedecke, die zum lesen von Geschichten natürlich hervorragend geeignet war. Für den Schwarzwald im Winter nichts ungewöhnliches.

Ich bin im Winter immer sehr vorsichtig mit dem lesen von Tierspuren, da diese gerade im Winter im Survival-Modus unterwegs sind.

Ich habe selbst schon Touren erlebt bei denen ich in Survivalsituationen geraten bin. Deshalb respektiere ich die Bewohner des Waldes und bewundere ihre Fähigkeiten im Winter zu leben.

Bild ist entstanden vor meiner Haustür.
Winter im Schwarzwald

Ich hatte schon die Jahre davor Landkarten der Tierpfade (Wildwechsel) angelegt und diese immer wieder gepflegt. Daher wusste ich genau wer sich wo und wann bewegt.

An diesem Tag war ich wieder auf die Fuchsspur gestoßen und folgte ihr bis zu dem Punkt an dem passiert, was eigentlich immer irgendwann passiert.

Ich war dem Fuchs also schon eine kurze Zeit auf der Spur, als ich das Gefühl hatte, dass ich durch seine Augen schaute. - Oder schaute er durch meine Augen?


Rotfuchs. Im Schwarzwald fotografiert.
"meine Füchschen" vom Balkon aus fotografiert.

Nicht nur weil meine Aufmerksamkeit von all den kleinen Löchern und Mäusespuren magisch angezogen wurde, die in dieser Jahreszeit überlebenswichtig für ihn sind, sondern auch, weil er so unbeschwert und humorvoll wirkte - es fühlte sich fast so an, als würde ich Teile von ihm adoptieren! Ich konnte diese Leichtigkeit auch in mir wahrnehmen.

Ich begann, die Dinge in einem neuen Licht zu sehen, nicht nur faktische Dinge die wichtig für sein Überleben sind, sondern auch aus seiner Lebensperspektive und mit seinem Humor, den er hatte, während er tat, was in dieser Jahreszeit getan werden musste. Nicht selten fand ich mich schmunzelnd vor einer Spurgruppe wieder.

"Du wirst zu dem Tier dem du folgst." - Tom Brown Jr. -

Irgendwann, im Laufe einiger Kilometer die ich mit seinen Spuren gewandert war, erwarb ich ein Verständnis und ein Einfühlungsvermögen, das es mir ermöglichte, zu dem zu werden, was ich heute "zu dem Tier werden" nennen würde.

Dies ist ein Phänomen das alle Tracker schon erlebt haben. Tom sagt immer: "Du wirst zu dem Tier dem du folgst."


Dieser Satz ist besonders dann wichtig, wenn es darum geht, vermissten Personen zu folgen, und der Tracker dabei die schlimmsten Momente der Menschen miterlebt, die dazu geführt haben könnten, dass sie sich verlaufen hat.


Der Fuchs kreuzte manche Tierspuren auf seiner Route. Ich wusste, dass es in der Regel genügte, wenn er sie einmal gerochen hatte, um die Situation zu klären, ohne dass irgendetwas im Unklaren darüber blieb, wie die Dinge zwischen den Tieren und ihm selbst standen.

Jedoch nicht bei dieser Spur!



Beim Wolfsmonitoring in Brandenburg
Eine Wolfspur aus Brandenburg.

Die Spur, die nun vor uns lag, unterschied sich von den anderen Spuren, die wir auf unserer Reise durch das Revier, quasi direkt vor meiner Haustür, kreuzten; er zögerte und war plötzlich sehr vorsichtig. Die Angespanntheit des Neuen war auch in mir sofort angekommen und ich wurde tatsächlich nervös.





Meine ersten Gedanken bei allen Hundeartigen Spuren, die größer als Fuchs sind, drehen sich immer um den Wolf. Natürlich möchte auch ich die Spuren eines Wolfes sehen.

Da ich mich jedoch kenne und vermeiden möchte in die Falle von "Ich will sehen" zu tappen, zwinge ich mich stattdessen zu einem Ausschlussverfahren.

Ich benenne noch min. 3 weitere Tiere die in Frage kommen und zu den Merkmalen dieser Spur passen könnten. Dadurch werde ich unvoreingenommener und kann mit einer größeren Klarheit versuchen die anderen Tiere zu bestätigen.

Mit der Zeit wird die Liste der Möglichkeiten immer kürzer und es bleibt vielleicht nur noch eine Idee übrig - Die, die der Wahrheit am nächsten kommt!

Benenne min. 3 weitere Tiere die in Frage kommen und zu den Merkmalen dieser Spur passen könnten.

Die Fuchsspur verweilte noch eine ganze Weile neben dem neuen Pfad. Er lief ein Stück rauf und runter entlang des Wechsels, und ich merkte in mir, wie sich mein Bewusstsein von dem Fuchs löste. Die Nähe zum Haus in dem ich wohne machte diese Stelle zu einem wichtigen Punkt in meinem Fährtenjournal.


Nachdem ich diese Beobachtungen in mein Journal aufgenommen hatte, brachte die Verfolgung dieses interessanten Pfades ein Gefühl und mehr Klarheit darüber, welche Art von Tier diese Spuren im weichen Schnee hinterlassen hatte.

Die ausgemessenen Daten brachten zu Hause mit den Tierbüchern noch mehr Bestätigung.


Der Wolf ist ein besonderes Tier aus der Gruppe der Hundeartigen. Wenn man ein Buch über Wölfe liest, kann es schwer sein, es aus der Hand zu legen. Seine Kraft, seine Intelligenz die er in einem Rudel bei der Jagd und im sozialen Verhalten zeigt sind einzigartig. Das Leben eines einzelnen Wolfs unterscheidet sich jedoch von dem in einem Rudel. Seine Jagdmethoden und sein Wanderverhalten sind völlig losgelöst von dem, was er im Zusammenleben mit anderen Wölfen an den Tag legt, wie z. B. sein Sozialverhalten oder wie er sein Revier einrichtet. Seiner Fährte zu begegnen oder ihr folgen zu dürfen, um etwas von ihm zu lernen, das war für mich schon immer magisch - auch wenn wir uns nie zu Gesicht bekommen haben. Eigentlich müsste es heißen, ich habe ihn noch nicht gesehen; ob mich schon ein Wolf gesehen hat, kann ich nicht sagen - es gab auf jeden Fall schon Situationen, wo ich mich in deutschen Wolfsgebieten schon sehr beobachtet gefühlt habe.

Diese Tiere haben etwas an sich, das einem das Gefühl gibt, dass alles möglich ist! Sie sind so stark, ausdauernd und mächtig und gleichzeitig sanft, was mich schon immer fasziniert hat.

Ihrer Spur zu begegnen oder ihr folgen zu dürfen, etwas aus ihrem Leben zu lernen und Zugang zu ihrer unglaublichen Kraft zu haben - diese Dinge lassen mich erkennen, warum es diese Tiere heute noch gibt: für uns!


("Der Wolf" Auszug aus "Einstieg ins Fährtenlesen" von 2012 für die Wildnispädagogen der Kojote-Akademie)


 

Ich habe nie über Beobachtungen dieser Art berichtet. Denn ich sehe immer noch zu oft, dass Tiere einfach erschossen und dem Tod überlassen werden, was wahrscheinlich auch "meinem" hier passiert ist, denn zwei Jahre später wurde ein Wolf mit einer Kugel gefunden wurde.


Dieses Jahre wurde wieder ein einzelner Wolf im Schwarzwald gesichtet und durch Fotos bestätigt. Ich bin gespannt ob ich seiner Spur wieder einmal folgen darf.

Vielen Dank für deine Zeit beim lesen des Artikels.

Falls du dich für die Spurenkunde interessierst, gibt es hier einen Videokurs über das Fährtenlesen. Der umfangreichste Fährtenleserkurs im Netz. Dort findest du auch die verschiedenen Merkmale einer Wolfsspur.


Hier geht es zum Onlinekurs.


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Somit schließe ich mit den Worten


Stay on Track


Ralf

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